Gewalt gegen ältere Menschen

Von Siegfried Baum

Vorausgeschickt sei, dass es sich bei diesem Aufsatz nicht um einen Generalverdacht handeln soll, dann würde ich der weitaus überwiegenden Zahl von liebevoll und/oder professionell helfenden Händen Unrecht tun. Da aber das Ausüben von Gewalt gegen ältere Menschen vorkommt und in vielen Fällen gleichzeitig kriminelles Handeln darstellt, dürfen wir unsere Augen vor sichtbaren Missständen nicht verschließen. Da gibt es die ältere Dame in der Nachbarschaft, die sich in den früheren Jahren kein Straßenfest entgehen ließ und ihrem Gegenüber stets offen und kommunikativ begegnet ist. Nun sieht man sie nur noch selten vor der Haustür, wenn Sie zum Beispiel ihre Zeitung hereinholt oder mir auf dem kurzen Weg zum Friedhof begegnet. Dabei ist sie langsam und sichtlich unsicher geworden. Meinen Tagesgruß erwidert sie zurückhaltend, so als ob sie nicht mehr genau weiß, wer ich bin. Trotzdem frage ich sie nach dem heftigen Bluterguss an ihrem Unterarm. „Oh, nur ein Unfall“, erklärt die alte Dame, „ich habe nicht aufgepasst. Die Haustür ist gegen meinen Arm geschlagen“. Dann verabschiedet sie sich schnell und geht ihres Weges.
Nachdenklich schaue ich hinter ihr her und versuche, mir zu ihrem scheuen Verhalten einen Reim zu machen. Natürlich ist die Nachbarin schon ziemlich alt. Wie verständlich ist es da, wenn Körper und Geist spürbar nachgelassen haben. Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Liest oder hört man doch immer wieder von Gewalt gegen ältere Menschen, die sich wegen ihrer Gebrechen oder gar Hilflosigkeit nicht gegen Mobbing oder auch tätliche Übergriffe wehren können. Quellen dieser Gewalt findet man überall da, wo ältere Menschen leben: in der eigenen Wohnung, bei Ver-wandten und Bekannten und nicht zuletzt in Pflegeeinrichtungen.
Als Täter kommen Ehegatten, Partner, die eigenen Kinder und andere Familienmitglieder genauso in Betracht wie Bekannte, Betreuer und mit der Pflege beauftragte Personen. Dabei gibt es die verschiedensten Arten von Misshandlungen, deren mildeste Form, die Einschüchterung durch Schreien und Drohungen, häufig mit Vernachlässigung und gezielten Schikanen einhergeht. Nicht immer sind es die sichtbaren Ergebnisse von Gewalt wie körperliche Schmerzen und Verletzungen, die durch tätliche Übergriffe wie Schlagen oder Stoßen hervorgerufen werden. Auch Formen des Umgangs, die emotionale Schmerzen oder Leiden verursachen, wie finanzielle Ausbeutung, der unangemessene Einsatz von Medika-menten und rechtswidrige freiheitsentziehende Beschränkun-gen gehören genauso dazu.
Welche teils einfachen Möglichkeiten der Prävention und Hilfe gibt es bei der Gewalt an älteren Menschen? Kümmern Sie sich! Besuchen Sie Ihre älteren Verwandten, Bekannten und Nachbarn so oft wie möglich. Nehmen Sie fadenscheinige Einwände gegen Ihren Besuch ernst. Suchen Sie zunächst das Gespräch mit den Verantwortlichen sofern Sie Missstände feststellen. Ist das nicht möglich oder untunlich, vertrauen Sie sich einem Arzt oder Therapeuten an. Scheuen Sie in letzter Konsequenz bei sichtbaren Spuren körperlicher Gewalt nicht den Weg zur Polizei, damit das Körperverletzungsdelikt untersucht und verfolgt werden kann. Denken Sie immer daran, dass auch Sie einmal im Alter auf wachsame Sinne von mitfühlenden Mit-menschen angewiesen sind.

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