Familienfotos behaupten immer ein Synonym für das Glück zu sein, dachte Orf:
Wenn sonnengebräunte Gesichter in die Kamera lachen, musste der Urlaub gelingen. Auch unsere Zeit war knapp und dem Wetter machten wir keine Vorwürfe.
„In unserem Reich geht niemals die Sonne unter!“ Eura beschriftete jedes Fotos.
Wir saßen am Pool und lasen uns vor, während Jane ausgelassen ins Wasser sprang. Damals brannte die Mittagssonne in meinem Nacken.
An diesem Nachmittag, damals, stand plötzlich der Bauer aus dem nächsten Tal an dem Tor unserer Finca. Er saß auf seinem Esel und rief laut:
„Tomatos! Tomatos!“
Ich war so überrascht, dass ich sofort die Kamera zückte wie einen Revolver. Natürlich war das Foto verwackelt…
Am späten Nachmittag wurde dann Jane von einem kleinen Jungen aus dem Dorf abgeholt. Wir aber, Eura und ich, gingen ins Haus und dunkelten den Schlafraum ab. Der Pfirsichbaum vor dem Schlafzimmerfenster warf seinen warmen Schatten. Wir lagen nackt auf dem Bett und genossen die hautwarme Luft. Auf der durchgelegenen Matratze rutschten wir zusammen. Irgendwo im Tal bellte ein Hund.
Wie zwei Käfer, denen der Schatten über den Rücken kroch, paarten wir uns. Der Rotwein hatte uns angeregt. Betrunken waren wir nicht. Wir waren nur von Kopf bis Fuß empfindlich.
Wir liebten den Sex am Nachmittag. Da war man ausgeschlafen und der Abend blieb frei, dachte Orf.
Warum hielt ich sie eigentlich nicht zurück? Dafür gibt es nicht nur eine Erklärung…
Das verstand sogar der Kommissar.
Vorsichtig nahm Orf das nächste Foto in die Hand. Ihn überkam ein wohliger Schmerz, als löse er eine hauchdünne Borke von einer vernarbenden Wunde.
Wir standen auf der Terrasse und umarmten uns.
Die großen Blattpflanzen wärmten sich an der ausgebleichten Hauswand.
Wir lauschten auf das Zirpen der Grillen und beobachteten die Katze, die sich mit einem Sprung auf das Dach in die Nacht verabschiedete.
Unten im Pool gluckste das Wasser. Krötenartige Frösche saßen am Beckenrand und sprangen gelegentlich ins Wasser.
Ob auch heute noch eine Prinzessin ins Wasser springt, wenn man diese Viehcher gegen die Mauer warf? dachte Orf.
Dabei gab es damals Nächte, da machten uns die Sterne nur noch einsam. Und das gleißende Mondlicht lag dort unten auf dem weiten Meer. Nur vom Horizont her wehte das monotone Tuckern eines Fischerbootes herüber. Und irgendwo heulte ein Hund, als sich zwei auf geschreckte Möwen in die Luft warfen.
Und doch, damals gehörte uns die Nacht allein.

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