Als wir Palma hinter uns gelassen hatten, erwartete uns eine Landschaft von ursprünglicher Schönheit. Wie ein üppig ausgebreiteter Faltenwurf lag das Land vor uns und wollte zärtlich erobert werden. Da musste man schon den Fuß vom Gas nehmen, um den Geruch von Minze zu verspüren.
Und schon buckelten die Hügel zu Tal und suchten den Schatten der Fächerpalmen. Die Zypressen aber loderten feierlich gen Himmel und warfen ihre Schatten über die Bruchsteinmauern, in denen der Feigenbaum blühte.
Warum verzog da nur der schmerzverzerrte Olivenbaum sein Gesicht?
Vielleicht lag es am Geruch von verbranntem Holz.
Aber schon das ausgetrocknete Flussbett hinter der nächsten Serpentine erwartete den Wind aus den Bergen, der sich in den Olivenhain stürzte. Denn eine dunkle Regenwolke klebte unter dem Himmel wie ein Ballon.
Selbst das lichte Kiefernwäldchen, das den Trampelpfad hinunter zur Felsküste säumte, neigte sich unter seinen Zapfen. Umhüllt von dem harzigen Geruch fühlte ich mich angenehm verloren, während dort unten in der Bucht eine kleine Yacht vor Anker lag.
Eine zärtliche Brise kühlte meinen Rücken und verwehte die monotone Glöckchen-Melodie, die grasendes Vieh hinterlässt. Der zwitschernde Vogel im Ginsterbusch allerdings ließ sich nur widerwillig unterbrechen. Während die Eidechse in ihrer Felsritze sehnsüchtig zur Sonne betete, klang das monotone Werben der Zikade wie ein enttäuschtes Nörgeln.
Kaum aber hatte ich den Kopf gedreht, sah ich plötzlich sattes Wiesengrün, über das sich ein zart gewobener Blumenteppich gelegt hatte. Der Duft von Thymian, Wacholder und Rosmarin schwebte über dieser Wiese wie ein hauchzarter Schleier.
Wäre jetzt auch noch Franz von Assisi aus den Mandelbüschen getreten, hätte ich mich nicht gewundert. Denn auf Mallorca gibt es zahlreiche Einsiedeleien, die sich auf kegelförmigen Hügeln den Niederungen des Alltages entziehen. Nur das klägliche Gebimmel einer Kapelle berichtete von einem kirchlichen Leben, dessen Sinn mir letztlich unverständlich blieb.
Das breite Blätterdach einer kleinen Allee beschattete die ausgetretenen Stufen, die steil zur Einsiedelei hinaufführten. Die glatten Stämme der Platanen schuppten sich wie Aussätzige, während sich das Moos gegen die Steinstufen auflehnte.
Der Einsiedler, ein kleiner, kahlköpfiger Mönch, kauerte auf der steinernen Sitzbank vor dem verwitterten Portal seiner Kapelle. Seine Kutte war vor Schmutz erstarrt und ihn umgab eine Wolke aus Schweiß. Sein wachsfarbenes Stoppelhaar-Gesicht aber wurde von den glasigen Augen eines Alkoholikers beherrscht.
Der kleine Mönch leistete einem Anstreicher, der den abbröckelnden Putz ausbesserte, stumm Gesellschaft. Der Radiorecorder plärrte spanische Pop-Musik.
Als uns der Mönch aber sah, sprang er auf und hielt den Ärmel seiner verdreckten Kutte vors Gesicht. Vermutlich hatte er den leibhaftigen Teufel gesehen, denn er schlug immer wieder mit der anderen Hand hektisch das Kreuz, um nicht zu erblinden.
Nur mit Mühe und einer großen Portion Jähzorn schob er die knarrende Kirchenpforte auf, als wälze er seinem Herrn Jesus Christ höchst-persönlich den Felsstein vom Grab.
Der Mönch verschwand wie ein räudiger Hund in einem feucht-dunklen Raum, der sicher nach Weihrauch roch. Noch hörte man sein bösartiges Zischen, als stieße er tausend Verwünschungen aus.
Nun, ich muss zugeben, ich wurde neugierig.
Ich wollte sehen, was dieser düstere Christenmensch in dem Kräutergarten Gottes anstellte. Vielleicht mendelte er vor sich hin oder braute doch wenigstens Bier hinter den Mauern seiner Einsiedelei.
Ich fand schnell einen günstig stehenden Baum, um von dort aus meine Neugierde zu befriedigen. Aber der vermeintliche Paradiesgarten entpuppte sich als große Müllhalde. Zwischen kniehohem Unkraut und skelettierten Bäumen hockte der Mönch mit seinem Schäferhund und trank…

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