Es war fürchterlich, wenn sie trank, dachte Orf. Dann sog Eura gierig an ihrer Zigarette bis ihr nachlässig geschminkter Mund zuckte. Dabei sah sie mich gedankenverloren an, als gebe es keinen neuen Tag. Verstand sie überhaupt, um was es ging?
Oder lächelte sie nur wie eine Geliebte, die sich an alte Zeiten erinnerte? Sie sah zerbrechlich aus und in ihren Augen lagen die schläfrigen Überreste einer durchwachten Nacht.
„Ich bin eine Frau, die es so nicht gibt.“ Eura sah ihn von der Seite an wie ein Gast, dem beim Essen klar wurde, dass er seine Rechnung nicht bezahlen konnte.
„Na denn…,“ nickte Orf und Eura rauchte, als ließe sich nur noch so das Leben ertragen.
„Wer will schon alt werden…?“ flüsterte Eura, als trete sie mit dieser Frage ihrem Leben zu nahe. Ihre Stimme war auf eigentümliche Weise sanft und doch schwang da eine Drohung mit. Und Orf hatte Mühe Euro überhaupt noch zu verstehen. Denn sie bewegte kaum noch ihre Lippen. Das honiggelbe Licht der Stehlampe durchsetzte den Nikotinschleier mit dem sich Eura umgab.
Aber dann plötzlich umfasste sie ihren Hals und setzte ihre Beine vorsichtig nebeneinander. Dabei zupfte an ihrem Bademantel wie Vogel, der sein Gefieder putzte.
Prüfend wie eine Wahrsagerin fixierte Eura ihr Weinglas, das sie in ihren Händen drehte. Dabei kniff sie abwechselnd das eine oder das andere Auge zusammen. Das Weinglas verzerrte ihr Gesicht, als ob es im Wein schwimme.
„Du hast den Sinn für das Märchenhafte schon lange verloren,“ raunte sie und lächelte verächtlich.
„Alle Märchen beginnen mit den Worten: Es war einmal…,“ sagte Orf und gähnte gelangweilt. Aber je länger ich ihr zuhöre, dachte er, desto weniger verstehe ich sie.
Eura spielte mit dem Docht der heruntergebrannten Kerze. Die rußende Flamme warf ihr Licht an die Decke, über die Euras Bewegungen schattenhaft hinwegzuckten. In ihren Haaren stand der Schweiß wie flüssiges Wachs.
„Gefällt dir Deine dämonische Rolle?“ sagte Orf gelassen.
Eura sah ihn verdutzt an wie ein Kind, dem man eine Frage für Erwachsene stellt. Dann lächelte sie geziert:
„Meine Dämonen sehen alles…“
Ihre Augen wurden dunkel wie ein Petroleumlicht, dessen Docht man herunterschraubt. Und plötzlich sah ihn Eura an wie ein süchtiger Melancholiker, der Märchen erzählt:
„Auch Du wirst ihnen nicht entrinnen, “ flüsterte sie. „Hörst du sie nicht?“ Ihre Stimme vibrierte wie eine Rasierklinge. Eine lauernde Verzweiflung umgab ihren Mund.
Diese Zerrissenheit kotzte mich immer an, dachte Orf. Er schwieg, um nicht schreien zu müssen. So musste jedes Gespräch im Sande verlaufen.

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