Orf sprang schweissgebadet aus seinem Bett und drapierte hastig zahllose Gegenstände um sein Bettgestell herum. Falls ich einschlafe, was Gott bewahre, dachte er, wird die Nachtschwester über diese Hindernisse stolpern. Die schleicht nicht mehr um mein Bett herum und behauptet das Bett frisch beziehen zu müssen. Denn eines ist mir schon lange klar. Man will mich vergiften. Diesen Gedanken werde ich schon lange nicht mehr los. Und dann wird man mich in Formalin einlegen. Da werden sich die Pathologen freuen, wenn sie mich in meine Teile zerlegen, um mich in ihren Ausstellungsvitrinen präsentieren können.
„Endlich habe ich dich überführt!“ schrie Orf, als die Nachtschwester das Zimmer betrat.
Aber die Frau sah ihn nur erstaunt an, als Orf plötzlich wie ein Kind weinte.
Kurzentschlossen nahm die Nachtschwester seine kalten Hände und schob sie in ihre warmen Achselhöhlen.
Ich wollte ich könnte mich in einer tiefen Höhle verkriechen, dachte Orf. Oder tief unter ihrem Kittel. Das wäre das dunkelste Versteck, das ich mir vorstellen könnte. Sicher und so weich wie Samt.
Die Nachtschwester aber tupfte nur behutsam seine Tränen ab und deckte ihn zu wie ein Kind. Dann spülte sie sein Glas am Waschbecken aus und stellte es auf den Nachttisch zurück.
Ich bin immer so müde, wenn ich diese Tabletten schlucke, dachte Orf. Sie will mich immer nur vergiften. Und dass sie heute das Glas spült zeigt mir wie hinterhältig sie ihre Spuren verwischt. Demnächst werde ich diese Tabletten im Labor untersuchen lassen.Darauf kann man sich verlassen.
Die Nachtschwester beugte sich über Orf und drückte ihm einen Gute-Nacht-Kuß auf die Stirn. Orf fühlte ich das warme Fleisch ihrer Brüste.
„Schon schlimm, wenn man Angst hat vor den eigenen Gedanken,“ hauchte die Nachtschwester und schüttelte den Kopf, als tadelte sie ein Kind. Dann stellte sie ihm ein Glas auf den Nachttisch und verliess leise das Krankenzimmer, nachdem sie das Licht ausgeschaltet hatte.
Schon als Kind hasste ich, wenn man mich vertrösten wollte, dachte Orf. Aber da stand die Nachtschwester schon wieder vor seinem Bett und flüsterte:
„Ich liebe dich, auch wenn es dich nicht gibt.“ Dabei streichelte sie seine Hand und sagte leise: „Nach meiner Runde komme ich gleich zurück.“
Ihre Stimme beruhigte ihn. Und plötzlich war Orf entschlossen sich von dieser Schwester vergiften zu lassen. Das Gläschen mit der grünen Flüssigkeit stand noch immer auf seinem Nachttisch.
Von seinem Bett aus sah Orf in den Hinterhof des Krankenhauses. Im frühen Morgengrauen schoben zwei Pfleger einen Blechsarg über das Gelände. Orf zog die Decke über den Kopf und wartete.

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